August Feinlein, Chef des psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen, weiß, was Älterwerden bedeutet. Ab seinem 63. Lebensjahr hat er mit dem Zählen seiner Geburtstage aufgehört und sein Lebenscredo gefunden: "Glauben heißt Lieben". Er ist beruflich sehr erfolgreich und stellt sich die Frage, worauf er im Leben eigentlich vertrauen kann. Er sehnt sich noch immer zurück nach seiner großen Liebe - und lernt das Glauben neu.
Scherblingen war bis 1803 ein Kloster, der letzte Abt ein Vorfahr von Augustin Feinlein. Als junger Arzt hatte Feinlein in einem Latein-Seminar Eva Maria Gansloser kennen- und liebengelernt. Sie verloben sich. Doch Eva Maria heiratet zweimal einen anderen. Noch als Ehefrau schickt die ehemalige Geliebte Feinlein gelegentlich Postkarten, die ihm signalisieren, sie könne ihn so wenig vergessen wie er sie. Feinlein möchte diesen Botschaften Glauben schenken, auch wenn er zweifelt.
Walsers Buch spielt mit den Motiven des Glaubens, überträgt sie ins Private, geht ihnen aber auch in einem ganz traditionellen Sinne nach: Feinlein unternimmt eine Reise nach Rom, wo er die Kirche seines Namenspatrons aufsucht, San Agostino. Allerdings weniger um der eigenen Andacht willen, als um ein Madonnenbild Caravaggios zu betrachten, das ihm andächtige Beter vorführt. Und am Ende bemächtigt er sich eines Reliquiars aus der heimischen Stiftskirche.
Was Glaube ist, wird hier in seltsam abgeklärter Dringlichkeit erforscht. "Es ist schön, etwas zu glauben", bekennt Feinlein, um sofort anzuschließen: "Auch wenn's nie für lange gelingt." Der Autor hat mit ihm einen Charakter geschaffen, der die Selbstüberschreitung probt, obwohl er mit dem Scheitern rechnet. Diese Spannung zwischen Emphase und Skepsis bildet auch Walsers Sprache ab.